Temu ist zu einer unumgänglichen Marke geworden. Vor bis zu einem Jahr den meisten noch unbekannt, schoss der Online-Händler in den USA mit aufwendiger Werbung und einer fesselnden Social-Media-Kampagne regelrecht aus dem Boden und hat nun auch in Europa seinen Siegeszug angetreten. Während sich das Unternehmen auf den Kampf mit Amazon vorbereitet, fragst du dich vielleicht, ob Temu seriös ist.
Die kurze Antwort lautet, dass Temu möglicherweise nicht sicher ist und ernsthafte Risiken für deine Privatsphäre birgt. Zahlreiche Berichte zeigen, dass sich hinter der fröhlichen Fassade der App ein Web aus Geheimnissen verbirgt, in das du vielleicht nicht hineingezogen werden möchtest. Lass uns im Folgenden betrachten, wie wir zu diesem Schluss kommen.
Was ist Temu?
Temu ist ein Online-Händler wie viele andere auch: Du kannst online oder über die Temu-App bestellen und innerhalb weniger Wochen kommen deine Produkte an. Temu scheint sich nicht sonderlich zu spezialisieren. Es bietet alle möglichen Produkte an, von Kleidung über Haustierspielzeug bis hin zu Elektronik. Die einzige Gemeinsamkeit von Temus Produkten ist, dass sie billig(neues Fenster) sind, viel billiger als bei allen Mitbewerbern.
Das liegt daran, dass Temu weniger ein Geschäft ist, in dem du einkaufst, sondern eher ein Vermittler, der den Handel zwischen westlichen Verbrauchern und chinesischen Fabriken erleichtert. Das erklärt auch die längeren Lieferzeiten im Vergleich zu einheimischen Händlern. Wenn du bei Temu bestellst, kommt die Ware den ganzen Weg aus dem Reich der Mitte und nicht aus einem Logistikzentrum um die Ecke.
Die Ursprünge von Temu
Temu ist nur außerhalb Chinas neu. In der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt ist das Unternehmen seit 2015 unter dem Namen Pinduoduo im Geschäft, wobei die Pandemie als Katalysator für einen massiven Wachstumsschub wirkte. Berichten zufolge hat Pinduoduo bis zu 790 Millionen monatliche Benutzer(neues Fenster), was bedeutet, dass mehr als die Hälfte der 1,4 Milliarden Einwohner des Landes die App jeden Monat nutzen.
Noch beeindruckender ist, dass PDD Holdings, die Muttergesellschaft von Pinduoduo und Temu, dies mit einer nur winzigen Anzahl von Mitarbeitern(neues Fenster) geschafft hat, da sie scheinbar einen Großteil ihrer Logistik an andere Unternehmen auslagert. Infolgedessen ist es ein schlankes Unternehmen mit geringen Gemeinkosten.
Zumindest im Hinblick auf das Verwaltungspersonal fallen kaum Gemeinkosten an. PDD gibt viel Geld für Marketing aus. Um Temu in den USA auf den Markt zu bringen, gab das Unternehmen laut Bernstein Research, einer Firma, die die Finanzen von Unternehmen analysiert, um herauszufinden, ob sie eine gute Investition sind oder nicht, im Jahr 2023 rund 3 Milliarden Dollar(neues Fenster) aus. Diese Zahl enthält noch nicht die vermutlich astronomischen Kosten für Temus Super Bowl-Werbespot(neues Fenster), der im vergangenen Februar ausgestrahlt wurde.
Temu konzentriert sich aber nicht nur auf das Fernsehen. Die größte Werbeoffensive scheint in den sozialen Medien stattzufinden, wo eine Armee von großen und kleinen Influencern mobilisiert wurde, um Temu und seine Waren anzupreisen. TikTok(neues Fenster), Instagram(neues Fenster) und Facebook(neues Fenster) wurden überschwemmt mit Videos von Menschen, die alle möglichen tollen Produkte für sehr wenig Geld bestellen und erhalten. Wenig überraschend fiel das Gesamturteil positiv aus.
Die Temu-App
Das größte Verkaufsargument von Temu ist jedoch vielleicht nicht das Marketing oder die Produkte, sondern die App selbst. Im Gegensatz zu den Mitbewerbern nutzt du die App nicht nur für Einkäufe. Sie ist so konzipiert, dass sie dich mit Spielen und Gewinnen in ihren Bann zieht und dafür sorgt, dass du online bleibst.
Es gibt zum Beispiel ein Spiel, bei dem du einen Baum wachsen lässt, wenn du dich gut um ihn kümmerst. Wie dir jeder bestätigen wird, der schon einmal Farmville gespielt hat, macht das schon süchtig genug. Aber Temu belohnt dich je nach Zustand des Baums auch noch mit etwas Einkaufsguthaben. Und als ob das noch nicht alles wäre: Damit der Baum sein volles Potenzial entfaltet und behält, brauchst du spezielle In-Game-Einträge, die du nur durch Scrollen in der Temu-App erhältst. Was auch immer du in der App tust – sie ist so konzipiert, dass sie dich fesselt.
Das Bestreben, die Aufmerksamkeit der Nutzer an die App zu fesseln, ist nicht neu. Google und Facebook tun im Grunde dasselbe, um ihre Werbeeinnahmen zu maximieren. Die Mischung aus billigen Waren – die für viele an sich schon süchtig machen –, einer flüssigen App und Spielen, die dich süchtig machen sollen, ist im Einzelhandel jedoch völlig neu.
Temu und deine Daten
Es scheint, dass PDD nicht nur daran interessiert ist, dir Waren zu verkaufen. Es gibt Anzeichen dafür, dass das Unternehmen auch dieselbe Art von Überwachung betreibt wie Big Tech. Dies dient zum Teil dazu, dir mehr Produkte in seiner App zu verkaufen, könnte aber auch für politische Zwecke genutzt werden.
Als chinesisches Unternehmen besteht eine gute Chance, dass alle von den Apps von PDD gesammelten Daten von der chinesischen Regierung verwendet werden könnten – tatsächlich sind chinesische Firmen gezwungen, Daten(neues Fenster) mit den Behörden zu teilen. Dies ist einer der Hauptkritikpunkte an TikTok(neues Fenster), der enorm beliebten Social-Media-App, die derzeit in mehreren westlichen Ländern vor Verboten steht(neues Fenster).
Die Spekulationen über Temu als Instrument des chinesischen Sicherheitsdienstes sind nicht ganz unbegründet: Google und Apple entfernten(neues Fenster) die Apps von Temu und Pinduoduo aufgrund von Sicherheitsbedenken aus ihren Stores, obwohl Temu nach der Aktualisierung der App wieder zugelassen wurde.
Noch gravierender ist, dass die Temu-App sehr viele Daten sammelt, und vieles davon scheint über das hinauszugehen, was für eine Online-Shopping-App erforderlich ist. Obwohl Cybersicherheitsforscher(neues Fenster) herausgefunden haben, dass Temus Datensammlung weniger extrem ist als die der Pinduoduo-App, die sogar Informationen über deine WLAN- und Bluetooth-Netzwerke sammelte, ist ihre Datenschutzerklärung(neues Fenster) so vage formuliert, dass sie viel Spielraum lässt.
Beispielsweise wird in einer in den USA eingereichten Sammelklage(neues Fenster) behauptet, dass die App sowohl biometrische Daten als auch Netzwerkinformationen sammelt. Falls dies zutrifft, fragst du dich vielleicht, wofür Temu diese Informationen überhaupt verwenden könnte.
Die schärfste Verurteilung stammt von Grizzly Research, einem weiteren Aktienanalyse-Unternehmen, das Temu als „clever versteckte Spyware“ bezeichnet. In ihrem Bericht(neues Fenster) stellt die Firma fest, dass die Temu-App „das gefährlichste Malware-/Spyware-Paket ist, das derzeit im Umlauf ist“. Es ermögliche der App, unbemerkt von den Benutzern Daten vom gesamten Telefon abzusaugen. Grizzly Research behauptet sogar, dass PDD sich große Mühe gegeben hat, alles auszublenden, was die App tut.
Der Bericht behauptet weiter, dass dies in der Tat das wahre Geschäftsmodell von PDD sein könnte: der Verkauf von Daten in wirklich gigantischen Mengen. Laut Grizzly ist der Verkauf von billigen Imitaten ein unhaltbares Geschäftsmodell; das echte Geld wird mit Daten verdient.
Die Anschuldigungen von Grizzly erscheinen in vielerlei Hinsicht plausibel. Die süchtig machende App, die die Menschen immer wieder zurückkehren lässt, ist eine hervorragende Möglichkeit, Waren zu verkaufen – aber eine noch bessere, um Daten zu verkaufen. Hinzu kommt die Art und Weise, wie das Unternehmen eingerichtet ist, mit sehr wenig Personal und noch weniger Details darüber, wie alles funktioniert, sodass man sich leicht große Sorgen machen kann. Es hilft auch nicht, dass Temu nicht in nennenswerter Weise auf diese Vorwürfe reagiert hat.
Ist Temu sicher?
Angesichts der Sicherheits- und Privatsphäre-Risiken sowie der mangelnden Transparenz des Unternehmens scheint es uns, dass Temu nicht sicher ist und du die App wahrscheinlich nicht auf deinem Telefon installiert haben solltest, geschweige denn sie zum Einkaufen nutzen solltest. Schnäppchen für Hundespielzeug und Pullover sind zwar verlockend, aber du bezahlst bei der Nutzung von Temu mit deinen Daten.
Leider scheint es auch keinen guten Weg zu geben, sich vor diesen Risiken zu schützen. Die App is so aufdringlich und durchsucht praktisch dein gesamtes Telefon, dass Tools wie unser VPN oder unsere „Hide-my-Email“-Aliasse(neues Fenster) schlichtweg nicht funktionieren. Du kannst dich zwar hinter einem VPN verbergen, aber wenn du in der App angemeldet bist und die App sogar Zugriff auf deine WLAN-Verbindung hat, spielt das keine Rolle.






